Veranstaltung "Deutschland hat Zukunft" am 21. Mai 2019

Gutachten 2019: Region und Bildung. Mythos Stadt – Land

In vielen ländlichen Regionen nimmt die Einwohnerzahl deutlich ab. Zugleich müssen sich die Städte den Herausforderungen einer wachsenden und zunehmend heterogenen Bevölkerung stellen. Das Bildungssystem muss auf diese regional sehr unterschiedlichen Anforderungen reagieren, damit Bildung für alle zugänglich bleibt – unabhängig davon, ob man in einem städtischen oder eher ländlichen Umfeld lebt.

Vor diesem Hintergrund stellte der Aktionsrat Bildung am 21. Mai 2019 im hbw Ι Haus der Bayerischen Wirtschaft in München im Rahmen der Veranstaltung „Deutschland hat Zukunft“ sein aktuelles Gutachten „Region und Bildung. Mythos Stadt – Land“ vor und diskutierte die Inhalte mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft.

Die Veranstaltung wurde durch Herrn Wolfram Hatz, Präsident der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V., eröffnet. Herr Hatz betonte in seiner Rede „Vorsprung durch Bildung“ die zentrale Bedeutung eines in allen Regionen verfügbaren hochwertigen Bildungsangebots für Individuen, Gesellschaft und Wirtschaft.

Im Anschluss stellte Herr Prof. Dr. Dr. h. c. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg und Vorsitzender des Aktionsrats Bildung, mit seinem Vortrag „Mythos Stadt – Land“ die wichtigsten Inhalte aus dem Gutachten vor und erläuterte die Zielstellung des Gutachtens, mit Vorurteilen in Bezug auf ein vermeintliches Bildungsgefälle zwischen Stadt und Land aufzuräumen.

Frau Prof. Dr. Bettina Hannover, Leiterin des Arbeitsbereichs Schul- und Unterrichtsforschung im Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin und Mitglied des Aktionsrats Bildung stellte die „psychologischen, wirtschaftlichen und demografischen Grundlagen“ des Gutachtens vor. In ihrem Vortrag gab sie zunächst einen Überblick über die Auswirkungen des Lebens in der Stadt und auf dem Land auf Lebensqualität, Bildungsbiografien und Einkommen. Anschließend ging sie auf Unterschiede in den Schulabschlüssen und in der Qualifikationsstruktur zwischen Stadt und Land ein. Sie erläuterte, inwiefern demografische Faktoren – z. B. Geburtenziffer und Zuwanderung – Auswirkungen auf die in den kommenden Jahren zu erwartenden Schülerzahlen und die Zielgruppen des Bildungswesens haben werden.

Die Herausforderungen für die Primar- und Sekundarstufe in Stadt und Land stellte Frau Prof. Dr. McElvany, Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Technischen Universität Dortmund und Mitglied des Aktionsrats Bildung, vor. Zunächst präsentierte Sie die Unterschiede in den Leistungen der Schüler*innen zwischen Stadt und Land. Bei den Leseleistungen entspricht der Vorsprung der Schüler*innen auf dem Land dem Lernfortschritt von bis zu einem halben Schuljahr. Sie betonte, dass dieser Unterschied vollständig auf Merkmale der Schülerschaft – vor allem den hohen Anteil an Schüler*innen mit Migrationshintergrund in den Städten – zurückzuführen seie. Für den Bereich der Sekundarstufe ging Sie unter anderem auf die Qualität des Unterrichts in Stadt und Land ein: In Bezug auf erfolgreiches Klassenmanagement, kognitive Aktivierung, soziale Unterstützung sowie die Zusammensetzung der Lehrerschaft hinsichtlich Alter und fachlicher Qualifikation lassen sich keine wesentlichen Unterschiede feststellen. Abschließend präsentierte Sie die wichtigsten Empfehlungen, die der Aktionsrat Bildung für den Schulbereich ableitet. Wichtige Forderungen sind z. B. der Erhalt von Grundschulen auf dem Land sowie die Erhöhung der Autonomie der Schulen in der Verwendung ihrer Mittel mit dem Ziel, diese je nach Regionstyp möglichst bedarfs- und anforderungsgerecht einzusetzen.

Der Bereich der Hochschule wurde von Herrn Prof. Dr. Hans-Dieter Daniel, Professor für Sozialpsychologie und Hochschulforschung an der Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, vertreten. Herr Prof. Dr. Daniel hob besonders die positiven Auswirkungen von Hochschulgründungen auf die wirtschaftliche Entwicklung ländlicher Regionen hervor. Er betonte, dass diese weitreichenden Effekte jedoch nur in Kombination mit entsprechenden Anschlussmöglichkeiten für die Hochschulabsolvent*innen zum Tragen kommen und daher die Gründung von Hochschulen und Nebenstandorten auf dem Land durch eine integrierte und systematische Regionalförderung ergänzt werden muss.

Abschließend gab der Vorsitzender der Amtschefskonferenz der Kultusministerkonferenz (KMK), Herr Staatssekretär Dr. Lösel, in seinem Vortrag „Regionale Unterschiede – Herausforderung und Chance für die Bildungspolitik“ Einblicke in die Sichtweise der KMK zum Thema. Lösel sieht die Herausforderung in den ländlichen Regionen insbesondere in dem Ausbau der Infrastruktur als Voraussetzung für einen Wohn- und Lebensort. In den Städten ist eine Förderung von Schulen geplant, die vor allem in sozial schwachen Umgebungen vor spezifischen Problemen stehen. Drei Hauptaufgaben der Bildungspolitik werden von Lösel benannt: Die Förderung des Spracherwerbs, die Intensivierung der Elternarbeit und die Implementierung von pädagogischen Konzepten zugeschnitten auf die heterogene Schülerschaft.

Die Veranstaltung wurde von einer Podiumsdiskussion abgerundet, die von Frau Heike Göbel (Ressortleiterin Wirtschaftspolitik, Frankfurter Allgemeine Zeitung) moderiert wurde. An der Gesprächsrunde nahmen teil: Herr Ministerialdirektor Herbert Püls (Amtschef des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus), Herr Staatssekretär Dr. Manuel Lösel, Herr Dr. Uwe Brandl (Präsident Deutscher Städte- und Gemeindebund, Berlin), Herr Klaus Hebborn (Beigeordneter und Leiter des Dezernats Bildung, Kultur, Sport und Gleichstellung des Deutschen Städtetages, Köln), Frau Prof. Dr. Tina Seidel (Inhaberin des Lehrstuhls für pädagogische Psychologie, Technische Universität München) und Herr Dr. Christof Prechtl (stellvertretender Hauptgeschäftsführer der vbw und Leiter der Abteilung Bildung, Fachkräftesicherung und Integration). Gemeinsam diskutierten sie mögliche Maßnahmen, um Bildung über alle Bildungsphasen hinweg an die unterschiedlichen Bedarfe in städtischen und ländlichen Regionen anzupassen.