Veranstaltung "Deutschland hat Zukunft" am 10. Mai 2017

Gutachten 2017: Bildung 2030 – veränderte Welt. Fragen an die Bildungspolitik

Eine sich ständig verändernde Welt, deren Herausforderungen aus dem raschen gesellschaftlichen, technologischen und ökologischen Wandel erwachsen, erzeugt auch im Bildungssystem einen stetigen Anpassungsdruck. Gesellschaftlicher und demografischer Wandel, Globalisierung, die zunehmende Digitalisierung und die Veränderung der individuellen Lebensverhältnisse stellen das Bildungssystem vor eine Reihe von Herausforderungen. Diese müssen von der Politik, den Bildungsinstitutionen, der Wirtschaft und der Gesellschaft gemeinsam in Angriff genommen werden.

In seinem aktuellen Gutachten „Bildung 2030 – veränderte Welt. Fragen an die Bildungspolitik" identifiziert der Aktionsrat Bildung die zwölf bedeutsamsten Wandlungs- und Entwicklungsprozesse in der deutschen Gesellschaft, die aus seiner Sicht für das Bildungssystem der Zukunft von zentraler Bedeutung sind. Ausgehend von der Beschreibung des Status quo wurde für jedes der zwölf Themen Leitfragen an die Bildungspolitik formuliert, von deren Beantwortung der Erfolg des deutschen Bildungswesens auch in Zukunft entscheidend abhängen wird.

Vor diesem Hintergrund stellte der Aktionsrat Bildung am 10. Mai 2017 im hbw | Haus der Bayerischen Wirtschaft in München im Rahmen der Veranstaltung „Deutschland hat Zukunft" sein aktuelles Gutachten „Bildung 2030 – veränderte Welt. Fragen an die Bildungspolitik" vor und diskutierte die Inhalte mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft.

Die Veranstaltung, die auch im Internet via live streaming verfolgt werden konnte, wurde durch Alfred Gaffal, Präsident der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V., eröffnet. Herr Gaffal betonte in seiner Rede „Vorsprung durch Bildung“ die zentrale Bedeutung des Bildungssystems im Hinblick auf den richtigen Umgang mit den Herausforderungen unserer Zeit. Das Beispiel der Digitalisierung verdeutliche den engen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Erfolg und Bildung. Deshalb fordere die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V., die digitale Bildung in allen Lebensphasen zu stärken und in der Fläche gezielt voranzutreiben. Als weitere Herausforderungen, die künftig ein verstärktes und vereintes Engagement von Politik, Wirtschaft, Bildungseinrichtungen und Gesellschaft erforderlich machen werden, nannte er die Bereiche Urbanisierung und ländliche Entwicklung, Integration sowie religiöse Vielfalt und Wertebildung.

Im Anschluss stellte Herr Prof. Dr. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg und Vorsitzender des Aktionsrats Bildung, in seinem Vortrag „Bildung 2030 – veränderte Welt" die Inhalte des Gutachtens vor. Ausgehend von einer Begriffsklärung präsentierte Herr Prof. Dr. Lenzen die im Gutachten identifizierten zentralen gesellschaftlichen Trends und die damit verbundenen, an die Bildungspolitik gerichteten Leitfragen.

Im Rahmen der Veranstaltung wurden drei ausgewählte Herausforderungen von Mitglieder des Aktionsrats Bildung ausführlicher vorgestellt. In Ihrem Vortrag „Wandel des Religiösen“ gab Frau Prof. Dr. Bettina Hannover, Leiterin des Arbeitsbereichs Schul- und Unterrichtsforschung im Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin, einen Überblick über die Veränderungen in der Religiosität der in Deutschland lebenden Bevölkerung der letzten Jahrzehnte. Sie zeigte Zusammenhänge dieser Entwicklungen mit den Bildungserträgen verschiedener Bevölkerungsgruppen auf und präsentierte die sich ergebenden Implikationen für Curricula, Unterricht und die Ausbildung des pädagogischen Personals.

Die Herausforderungen für das Themengebiet „Urbanisierung und Landflucht" stellte Herr Prof. Dr. Bos, Direktor des Arbeitsbereichs für Bildungsmonitoring und Schulentwicklungsforschung am Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Technischen Universität Dortmund, vor. Er erläuterte die bestehenden regionalen Unterschiede im Hinblick auf die demografische Entwicklung sowie auf Kompetenzen und erreichte Bildungsabschlüsse der Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Abschließend präsentierte Prof. Dr. Bos die zentralen Leitfragen, die sich aus den beschriebenen Trends ergeben.

Schließlich ging Herr Prof. Dr. Daniel, Leiter der Evaluationsstelle der Universität Zürich, auf die aktuelle Herausforderung der „Digitalisierung aller Lebensbereiche" ein. Herr Prof. Dr. Daniel erläuterte, welche Auswirkungen der technologische Wandel auf die vom Arbeitsmarkt vorgegebenen Kompetenzanforderungen hat und stellte die sich in Folge dessen abzeichnenden Herausforderungen für das Bildungssystem vor.

In seiner Funktion als Mitglied des Präsidiums der Kultusministerkonferenz referierte Dr. Ludwig Spaenle, Bayerischer Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst. In seiner Rede „Bildung 2030 – Orientierung geben in einer sich verändernden Welt" nannte Herr Dr. Spaenle vier zentrale zukünftige Herausforderungen für das Bildungssystem: Demografie, Internationalisierung, Individualisierung und Digitalisierung. Mit Blick auf den demografischen Wandel betonte er, dass es die Aufgabe der Politik sei, trotz rückläufiger Schülerzahlen für alle Regionen in Deutschland wohnortnah Bildungsangebote bereit zu stellen. Es müsse antizyklisch investiert werden, d. h. gerade in strukturschwachen Regionen sei es wichtig, Bildungsinstitutionen wie z. B. Hochschulen zu erhalten, um auf diesem Weg die Absolventinnen und Absolventen an die Region zu binden. Einen weiteren Schwerpunkt seiner Rede bildeten die Themen Individualisierung und Internationalisierung. In diesem Rahmen ging er auf die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund ein; zugleich verwies er auf die Heterogenisierung der Erziehungsstile. Die Vermittlung digitaler Kompetenzen bezeichnete Herr Dr. Spaenle als "die vierte Kulturtechnik", die schon heute zu den zentralen Aufgaben der Bildungsinstitutionen gehöre und die in verschiedenen Fächern über alle Schulformen und Ausbildungsrichtungen hinweg erfolgen müsse. Dem Lehrpersonal komme  bei dem zielgerichteten Einsatz digitaler Medien im Unterricht eine besondere Bedeutung zu. Darüber hinaus verwies er auf die Notwendigkeit, Unterricht stärker zu individualisieren und passgenaue, aufeinander abgestimmte Bildungsangebote zu schaffen. Nur so sei es möglich, bildungsferne Milieus zur Partizipation zu motivieren.

Die Veranstaltung wurde von einer Podiumsdiskussion abgerundet, die von Kate Maleike (Deutschlandfunk) moderiert wurde. Die Gesprächsrunde formierte sich aus dem Gastredner Dr. Ludwig Spaenle, RSD Markus Bölling (Schulleiter der Realschule am Europakanal, Erlangen), Volker Franken (Schulleiter der evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck), Prof. Dr. Dieter Lenzen und Dr. Christof Prechtl, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der vbw und Leiter der Abteilung Bildung und Integration. Gemeinsam diskutierten die Teilnehmer die Voraussetzungen des erfolgreichen Einsatzes digitaler Medien an Schulen. Neben den infrastrukturellen Rahmenbedingungen wurde diesbezüglich auch die Verankerung digitaler  Inhalte in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften hervorgehoben. Insgesamt wurde betont, dass technische Investitionen langfristig begleitet werden sollten. Im Hinblick auf den Wandel der Religionszugehörigkeiten wurde die Frage erörtert, ob neben den konfessionsgebundenen Unterrichtsangeboten zur Anregung eines Dialogs zwischen den unterschiedlichen religiösen Gruppierungen auch übergreifende Unterrichtselemente notwendig seien. Auch die juristische Dimension eines bekenntnisorientierten Religionsunterrichts wurde thematisiert.  

Prof. Dr. Hans-Dieter Daniel
Prof. Dr. Dieter Lenzen
Prof. Dr. Randolf Rodenstock (Präsident des Ehrensenats der vbw e. V.), Prof. Dr. Bettina Hannover
Dr. Christof Prechtl, Prof. Dr. Dieter Lenzen, Alfred Gaffal, Dr. Ludwig Spaenle, Volker Franken (v.l.n.r.)
Alfred Gaffal, Präsident der vbw e. V.
Podiumsdiskussion (v.l.n.r.): Dr. Christof Prechtl, RSD Markus Bölling, Prof. Dr. Dieter Lenzen, Dr. Ludwig Spaenle
Dr. Ludwig Spaenle, Volker Franken