Veranstaltung am 03. Mai 2016

"Integration durch Bildung"

Vor diesem Hintergrund stellte der Aktionsrat Bildung am 03. Mai 2016 im hbw Ι Haus der Bayerischen Wirtschaft in München im Rahmen der Veranstaltung „Deutschland hat Zukunft“ sein aktuelles Gutachten „Integration durch Bildung. Migranten und Flüchtlinge in Deutschland“ vor.

Die Veranstaltung, die auch im Internet via live streaming verfolgt werden konnte, wurde durch Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V., eröffnet.

Herr Brossardt betonte in seiner Rede „Vorsprung durch Bildung“ dass die erfolgreiche Integration von Menschen mit Migrationshintergrund und Flüchtlingen in unsere Gesellschaft eine der wichtigsten Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte ist. Dem Bildungssystem kommt hierbei eine zentrale Rolle zu. Es zählt schon lange als Daueraufgabe, die Bildungsbeteiligung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund zu erhöhen sowie weitere Voraussetzungen für Bildungserfolge zu schaffen. Nun gilt es zusätzlich, die ankommenden Flüchtlinge schnell und nachhaltig in das Bildungssystem zu integrieren. Die Integration durch Bildung ist alternativlos, da Bildung der Schlüssel für die Teilhabe am wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben ist und Aufstiegschancen schafft. Bildung ist auch die Voraussetzung für die Stärkung der Innovationskraft Deutschlands und die Sicherung der Zukunftsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandorts. Auch die Wirtschaft sieht die Integration von Migranten und Flüchtlingen als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die vbw –Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. hat mit dem Maßnahmenpaket „IdA“ (Integration durch Ausbildung und Arbeit) umfassende und innovative Projekte initiiert.

Im Anschluss führte Herr Prof. Dr. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg und Vorsitzender des Aktionsrats Bildung, mit seinem Vortrag „Flüchtlings- und Migrantenintegration. Herausforderungen und Chancen“ in das Thema ein. Trotz jahrzehntelanger Vorerfahrungen mit der bildungsspezifischen Integration von Migranten hat die Thematik aufgrund des hohen und schnellen Zustroms von Flüchtlingen an Brisanz gewonnen. Herr Prof. Dr. Lenzen informierte über die Typologien von Aufenthaltstiteln und Aufenthaltszwecken und die Unterschiede zwischen regulär und irregulär Zugewanderten. Anschließend erläuterte er die Bedeutung der Integration von Personen mit Migrationshintergrund und Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt – auch aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland. Nach der Darstellung wichtiger statistischer Daten ging Lenzen schließlich auf die historische Dimension ein.

In ihrem Vortrag „Die psychologische Perspektive“ thematisierte Frau Prof. Dr. Bettina Hannover, Leiterin des Arbeitsbereichs Schul- und Unterrichtsforschung im Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin und Mitglied des Aktionsrats Bildung, die psychologische Situation der Migranten und Flüchtlinge. Während bei den Migranten der Aufenthalt in Deutschland das Resultat der Abwägung von Kosten und Nutzen ist, verlassen Flüchtlinge ihre Heimat aus Zwang. Folge davon können Traumatisierungen sein. Abschließend sprach Hannover die zentralste Handlungsempfehlung an, die Förderung der Kompetenz in der deutschen Sprache.

Die Herausforderungen für die Bildungsphasen „Frühe Bildung“, „Primarstufe“ und „Sekundarbereich“ stellte Frau Prof. Dr. Tina Seidel, Inhaberin des Lehrstuhls für Unterrichts- und Hochschulforschung und Prodekanin der TUM School of Education Technische Universität München und Mitglied des Aktionsrats Bildung, vor. Entscheidend für eine gelungene Integration ist eine heterogene Gruppenzusammenstellung in den Bildungseinrichtungen sowie die Förderung des Besuchs einer Kindertageseinrichtungen von Kindern mit Migrationshintergrund und Flüchtlingen. In der Primarstufe zeigt sich, dass mehr als ein Drittel aller Grundschulkinder einen Migrationshintergrund aufweist. Für den Schulbereich ist eine schnelle Integration von Kindern mit Migrationshintergrund und Flüchtlingsstatus in die Regelklasse wünschenswert. Im Sekundarbereich sind teilweise deutliche Unterschiede in den Leistungen zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund zu erkennen. Alleine im Jahre 2015 hatten aufgrund des Flüchtlingszustroms mehr als 117.000 minderjährige Kinder und Jugendliche äußerst heterogene Bildungserfahrungen. Dringend erforderlich sind Investitionen in die Aus- und Weiterbildung des pädagogischen Personals.

Schließlich ging Herr Prof. Dr. Tippelt, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München und Mitglied des Aktionsrats Bildung, auf die Bildungsphasen „Hochschule“ und „Aus- und Weiterbildung“ ein. Im Studienjahr 2014 studierten 219.000 Bildungsausländer und 82.500 Bildungsinländer in Deutschland. Für eine nachhaltige Integration der Flüchtlinge in das deutsche Hochschulwesen sind sowohl Studierfähigkeitstests als auch ein Ausbau des Kursangebots „Deutsch als Fremdsprache“ (DAF) und „Deutsch als Zweitsprache“ (DAZ) notwendig. Für den Bereich des Aus- und Weiterbildung informierte Tippel über die geringere Ausbildungsanfängerquote von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und die niedrige Weiterbildungsbeteiligung von Personen mit Migrationshintergrund. Hinsichtlich der Integration von Flüchtlingen in das Ausbildungssystem betonte Tippelt die zentralste Handlungsempfehlung: die Ausweitung der Berufsschulpflicht bis zum 21. Lebensjahr, nach dem Vorbild Bayerns.

Am Ende seines Vortrages erläuterte Tippelt die Hauptempfehlung des Aktionsrats Bildung: die Entwicklung und Umsetzung eines „Masterplans Bildungsintegration“ als Teil eines „Masterplans Migration“. Dieser ist in einer konzertierten Aktion zwischen den politisch Verantwortlichen und den Bildungsverwaltungen des Bundes, der Länder und der Kommunen, den Bildungseinrichtungen sowie dem Bildungspersonal zu entwickeln.

Als Gastrednerin referierte Dr. Claudia Bogedan, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Berlin und Senatorin für Kinder und Bildung, Bremen. Sie betonte, dass die Erkenntnisse über Fördermaßnahmen für eine gelingende Integration weiter in die Praxis umgesetzt werden müssen. In Bremen weist jeder zweite Schüler einen Migrationshintergrund auf; dies macht eine heterogene Verteilung in den Schulen notwendig. Darüber hinaus verwies Frau Dr. Bodegan auf den Vorteil der Mehrsprachigkeit, über den Zugwanderte verfügen. In der beruflichen Bildung forderte sie pragmatische Lösungen, die den Weg in den Arbeitsmarkt unterstützen.

Die Veranstaltung rundete eine Podiumsdiskussion ab, die von Kate Maleike (Deutschlandfunk) moderiert wurde. Die Gesprächsrunde formierte sich aus der Gastrednerin Dr. Claudia Bogedan, Herbert Püls, Ministerialdirektor für die Bereiche Bildung und Kultus Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, München, Prof. Dr. Dieter Lenzen und Dr. Christof Prechtl, Geschäftsführer der vbw und Leiter der Abteilung Bildung. Gemeinsam diskutierten sie mögliche Schritte zur einer gesamtgesellschaftlichen Umsetzung eines „Masterplans Integration“ wie beispielsweise die bessere Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen, der Beitrag der Ganztagesschulen, Teilqualifizierungen in der beruflichen Bildung, Maßnahmen zur Sprachförderung und optimalere Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Übergang zwischen den einzelnen Bildungsphasen und in den Arbeitsmarkt.  

Bertram Brossardt
Prof. Dr. Dieter Lenzen
Dr. Claudia Bodegan
Prof. Dr. Bettina Hannover
Prof. Dr. Tina Seidel
Prof. Dr. Rudolf Tippelt
Podiumsdiskussion